Als Februarstreik (niederländisch
Februaristaking) wird in den Niederlanden ein Generalstreik im Jahr
1941 gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg bezeichnet.
Vorgeschichte
Nach der
Invasion durch die Wehrmacht
am 10. Mai 1940 („Fall Gelb“) wurde der
Großteil des Landes in kürzester Zeit überrannt, und Widerstand wurde nur von
einer spärlich ausgerüsteten niederländischen Armee geleistet.
Am
11. Februar 1941 kam es nach provokativen Aufmärschen und Übergriffen
niederländischer Nationalsozialisten rund um den Waterlooplein im
Amsterdamer Judenviertel Jodenbuurt
zu Zusammenstößen und Schlägereien zwischen Mitgliedern der „Wehrabteilung“
und überwiegend jüdischen Bewohnern des Amsterdamer Viertels. Dabei erlitt ein
niederländischer Nationalsozialist, Wachtmeister Hendrik
Evert Koot, schwere Kopfverletzungen, an denen er drei Tage später
starb. Die Deutschen riegelten das Viertel ab,[1] verhafteten
425 jüdische Männer und verbrachten sie nach Buchenwald und Mauthausen, wo die
meisten im Verlauf des Jahres starben und mit zwei Ausnahmen keiner die NS-Zwangsarbeit
überlebte.[2][3] Dieses
brutale Vorgehen wird als Auslöser des Streiks angesehen.[4][5] Hans Böhmcker, der
Vertreter des im Urlaub weilenden Arthur
Seyß-Inquart, befahl Abraham Asscher und
zwei Rabbinern, einen Judenrat
zusammenzustellen, dessen erste Pflichtaufgabe es war, alle Juden zur
sofortigen Ablieferung von Waffen aller Art aufzurufen.[6] Am
17. Februar wurde die Absperrung des jüdischen Viertels bis auf Weiteres
verlängert und die Verwaltung wurde über Pläne zur Einrichtung eines Ghettos informiert.[7]
Der
Generalkommissar für das Sicherheitswesen Hanns
Albin Rauter führte am 22. und 23. Februar 1941 die ersten Razzien und
Massenverhaftungen von Juden in Amsterdam durch.[8][9] Als
Rechtfertigung dieser Maßnahmen hatte Rauter in der NSB-Parteizeitung Volk en Vaderland
Koots Tod in blutrünstiger Weise dargestellt und schrieb, dass „ein Jude die
Arterie des Opfers aufriss und das Blut aussaugte“, eine Anspielung auf die
mittelalterliche Ritualmordlegende.
Nach dem Polizeibericht vom 18. Februar 1941 sei Koot mit einem schweren
Gegenstand durch einen Schlag auf den Kopf verwundet worden.[10] Zudem kam
es am 19. Februar zu einem Angriff auf eine Eisdiele im jüdischen Viertel,
bei dem eine Patrouille
der deutschen Ordnungspolizei
verwundet wurde.[11]
Der Streik
Aufruf zum
Streik, 1941
Am
24. Februar fand am Noordermarkt in Amsterdam eine
öffentliche Versammlung statt, an der zahlreiche Büroangestellte teilnahmen.
Dort riefen Piet Nak und Dirk van Nimwegen zum Streik auf. In der
Nacht verfasste die mittlerweile illegale niederländische Kommunistische Partei der Niederlande
(CPN) einen Streikaufruf, vervielfältigte ihn und organisierte die Verteilung
vor den Fabriktoren.[12] Die
Demonstrationen vom 25. Februar 1941 und Folgetag in Amsterdam gingen als
„Februarstreik“ in die niederländische Geschichte ein. In Amsterdam kam der
öffentliche Nahverkehr zum Erliegen. Straßenbahnen, deren Fahrer beim Streik
nicht gleich mitmachen wollten, wurden mit Steinen beworfen, angehalten oder
gar umgestürzt.[13] Die
städtischen Bediensteten beteiligten sich, der Schiffbau auf den Werften wurde
gestoppt, die Stahlindustrie kam zum Erliegen, Schüler verließen die
Klassenräume, in der ganzen Stadt waren Geschäfte und Büros geschlossen. Am
folgenden Tag weitete sich der Streik auf die Gebiete Zaanstreek,
Kennemerland (Haarlem und Velsen,
die Hochöfen), Hilversum,
Utrecht und Weesp aus.
Am zweiten Tag
begann Rauter damit, den Streik gewaltsam niederschlagen zu lassen, und wies
die Amsterdamer Polizei und den deutschen Ordnungsdienst an, auch mit
Schusswaffen gegen die Demonstranten vorzugehen. Der deutsche
Militärbefehlshaber, General Friedrich
Christiansen, verhängte den Ausnahmezustand über Nordholland. [5][14] Es gab
etwa vierzig Verletzte und neun Tote.[15] Am Abend
des 26. Februars war der Generalstreik gewaltsam beendet.[16]
Folgen
De Dokwerker in
Amsterdam
Gleichwohl
hatte der Streik gezeigt, „dass sich in den Niederlanden eine
Repressionspolitik nicht ohne Widerstand durchführen ließ, und…
„…dass sich die
von Seyß-Inquart angestrebte Nazifizierung der Niederlande von innen heraus als
eine Schimäre erweisen
musste.“[17]
Während das
Interesse der Weltöffentlichkeit ansonsten kaum den Ereignissen in den
Niederlanden galt, berichtete die internationale Presse eingehend über den
Generalstreik.[18][19] Nach dem
Ende des Streiks suchten die Besatzungsbehörden nach Initiatoren, vor allem aus
den Reihen der CPN. Am 5. März wurde der jüdische Kommunist Leendert
Schijveschuurder festgenommen, als er Plakate klebte, die zu einem neuen Streik
am 6. März aufriefen; er wurde in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt
und am folgenden Tag erschossen. Er war der erste Niederländer, der von den
Deutschen erschossen wurde. Am 13. März wurden drei weitere Kommunisten,
Hermanus Coenradi, Joseph Eijl und Eduard Hellendoorn, als Anführer des Streiks
in der Waalsdorpervlakte
erschossen.[20] 22 weitere
Kommunisten wurden zu je zehn Jahren Zuchthaus verurteilt; zwei davon kamen in
deutscher Haft um.
Der
Reichskommissar verhängte hohe Geldstrafen gegen verschiedene Städte und die
Besatzer verschärften ihre Verbote und Vorschriften gegenüber der
niederländischen Bevölkerung.
Jedes Jahr wird
in Amsterdam am
25. Februar beim „Dokwerker“,
dem Hafenarbeiterdenkmal, am Jonas-Daniël-Meijer-Platz mit einem Schweigemarsch
an den Streik erinnert.
Deutungen
Die Enzyklopädie
des Nationalsozialismus definiert die Ereignisse als „Proteststreik“ gegen
die antisemitische Politik der deutschen Verwaltung in den Niederlanden, der
den Besatzern deutlich machte, dass mit einer „Selbstnazifizierung“ der
Niederländer nicht zu rechnen war.[20]
Auch der
Rechtshistoriker Mathias Middelberg wertet den Februarstreik als Zäsur: Die
Massenproteste zeigten den Besatzern, dass die Niederländer nicht für
Nationalsozialismus zu gewinnen waren. Die Kundgebungen bewirkten einen
Strategiewechsel in der Besatzungspolitik, die sich nunmehr offenkundig in
zahlreichen gegen Juden gerichtete Verordnungen manifestierte: Juden wurden aus
dem Arbeits- und Wirtschaftsleben verdrängt und bald durch die sogenannten Liro-Verordnungen ihres Eigentums
beraubt.[21]
Nach Deutung vieler
Historiker war der Februarstreik für weite Bevölkerungskreise ein „Ventil für
die Gefühle, die seit dem Beginn der Besetzung unterdrückt worden waren“: Unmut
über den Verlust der nationalen Selbständigkeit, über die Ausbeutung der
niederländischen Wirtschaft und nicht zuletzt die Repression gegen die
jüdischen Mitbürger entluden sich im Protest, der die niederländische Polizei
wie auch die Besatzer überraschte.[5]
Obwohl die
illegale Kommunistische Partei eine Rolle spielte, wurde der kollektive Protest
von keiner Organisation gesteuert. Nach Ansicht von Guus Meershoek sind die
Beweggründe der Demonstranten nicht näher zu bestimmen. Meershoek kritisiert,
dass die „offiziellen Historiker“ des Reichsinstituts für Kriegsdokumentation
den Menschenauflauf als einen Generalstreik bezeichnen und ihn teils als
„Ausdruck einer tiefen Abscheu gegen den Antisemitismus, teils als
Bewußtwerdung der Verwerflichkeit des deutschen Besatzungsregimes“
interpretieren. Auf diese Weise hätten sie die Ereignisse für die Nation wie
für Außenstehende verklärt „zum Symbol der niederländischen Opposition
gegenüber dem Antisemitismus.“ Im kollektiven Gedächtnis wurde dieser
Protestakt „zum Zeichen moralischer Unschuld par excellence.“[22]
Tatsächlich wurden keine weitere Initiativen ergriffen, um sich den Plänen der
Besatzer zu widersetzen. Die Bevölkerung kümmerte sich – so urteilt Meershoek –
bis zum Jahre 1943, als Zwangsverschleppungen weite Kreise betrafen, wenig um
die am stärksten bedrohte Gruppe der Juden.[23] Indessen
war der Februarstreik in ganz Europa die einzige Streikmaßnahme, die sich im
Verlauf des Zweiten
Weltkriegs gegen die von den deutschen Besatzern ergriffenen
Zwangsmaßnahmen gegen Juden richtete.
Bildmaterial
Lange Zeit ging
man davon aus, dass der Februarstreik entweder nicht fotografisch festgehalten
worden oder entsprechendes Bildmaterial verschollen sei. Es existierte
lediglich eine einzelne Aufnahme, deren Zuordnung zu den Ereignissen jedoch
umstritten war. Erst im Jahr 2016 tauchte im Tagebuch eines Journalisten eine
Fotografie auf, die mit großer Sicherheit streikende Arbeiter am Morgen des
25. Februar 1941 auf dem Raamplein in Amsterdam zeigt.[24] Ein Jahr
später erschienen in der Wochenzeitung Vrij Nederland vier
weitere Aufnahmen aus einem privaten Familienalbum, die Streikende in Zaandam zeigen.[25]
Literatur